(Zitatanfang) --
Der Fahrplan zur Sonne Von Sebastian Pflugbeil
Bis 2050 können erneuerbare Energiequellen Europa komplett
mit Strom versorgen, sagen auch wirtschaftsnahe Institute. Doch
die Bundesregierung will es nicht glauben
Am 13. April 2010 wurde eine bemerkenswerte Studie der Europäischen
Klimastiftung ECF unter dem Stichwort »Roadmap 2050«
vorgestellt. Die Studie stützt sich auf Analysen von fünf
erfahrenen Institutionen, die alles andere als für »grüne
Spinnereien« bekannt sind: das Imperial College London, Kema,
McKinsey Co., Oxford Economics und das Office of Metropolitan Architecture.
Darin geht es um den Vergleich realistischer Wege zu einer klimaneutralen
europäischen Energieversorgung bis zum Jahre 2050. An der Studie
arbeiteten Vertreter großer deutscher und europäischer
Stromversorger (RWE, Vattenfall, E.on), führender Netzbetreiber
(Tennet, Energienet/DK, Entso-e), Hersteller von Kraftwerkstechnik
(Siemens, Vestas) und Umweltorganisationen (WWF, Germanwatch, E3G)
mit. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass eine Vollversorgung mit Strom
aus erneuerbaren Energien für ganz Europa machbar ist. Zudem
wird glasklar nachgewiesen, dass das weder teurer noch weniger verlässlich
ist als das heutige System. Dabei wird nicht auf künftig mögliche
neue technische Errungenschaften spekuliert, die Studie setzt nur
auf bereits vorhandene Technologien. Sie bezieht lediglich 15 Prozent
Solarstrom aus Kraftwerken in Nordafrika und eine stärkere
Nutzung der Erdwärme in die Kalkulation ein.
Die deutsche Politik scheint dies allerdings nicht zu glauben,
sie steuert jedenfalls kräftig dagegen. Anfang des Jahres war
die Solarförderung bereits turnusmäßig um neun Prozent
gesunken. Nach einem schwarz-gelben Gesetzentwurf soll die Einspeisevergütung
für Solarstrom von Dachanlagen ab dem 1. Juli um zusätzliche
16 Prozent gekürzt werden. Die Beihilfen für Anlagen für
Freiflächen sollten um elf Prozent fallen, die Förderung
von Anlagen auf Ackerflächen ganz gekappt werden. Im Bundesrat
wurde bereits gegen den Gesetzesvorstoß interveniert, mit
Kanzlermehrheit kann dem dennoch zugestimmt werden. Umweltverbände
wie Politiker fordern - fraktionsübergreifend - Nachbesserungen.
Die Solarförderung müsse in kalkulierbaren und maßvollen
Schritten abgesenkt werden, damit zukunftsträchtige Strukturen
nicht zerschlagen würden, erklären sie. Von der Gefährdung
mehrerer tausend Arbeitsplätze ganz zu schweigen. Angesichts
des erreichten Standes der Fachdiskussion provozieren die energiepolitischen
Vorhaben der Bundesregierung energischen Widerspruch.
Dabei stehen Befürworter und Gegner der Kernenergie vor den
gleichen Herausforderungen:
Es ist unstrittig, dass die Energieversorgung langfristig mit Sonnenenergie
in ihren verschiedenen Formen auskommen muss. Denn Öl, Gas
und Uran reichen nur noch einige Jahrzehnte, sicher nicht mehr einige
Jahrhunderte. Die Expertin Astrid Schneider weist in ihrem Buch
»Störfall Atomkraft« nach, dass auch das Uran in
weniger als hundert Jahren am Ende ist. Es ist unstrittig, dass
die Sicherung der Energieressourcen anderer Länder ein Hauptgrund
für die Kriege der letzten Jahre ist. Im Irak und in Afghanistan
ging es um nichts anderes. Der amerikanische Sicherheitsexperte
Zbigniew Brzezinski hat die Schlüsselrolle des Nahen und Mittleren
Ostens für die globale Energieversorgung, ja sogar für
die Weltherrschaft, in seinem Buch »Die einzige Weltmacht
- Amerikas Strategie der Vorherrschaft« betont - zwei Jahre
vor dem 11. September 2001. Jetzt fehlt nur noch der Iran zur Umsetzung
der macht- und energiepolitischen Träume der USA in Zentralasien.
Es ist unstrittig, dass sich die Risiken der Kernenergienutzung
mit längeren Laufzeiten erhöhen. Zudem sind Kernkraftwerke
gegen Krieg und Terror nicht zu schützen. Schließlich
ist die Endlagerung hoch radioaktiver Abfälle nicht gelöst.
Man denke an die Skandalgeschichten von Asse, Gorleben und Morsleben.
Dort ist bis heute Geheimhaltung, das Ausradieren unbequemer wissenschaftlicher
Positionen wie der fahrlässige technische Umgang mit Atommüllfässern
an der Tagesordnung. Beängstigend ist zudem die Bereitwilligkeit,
mit der führende Politiker den Atommüll aus Kernkraftwerken
und Kernforschungszentren auf Kosten der Steuerzahler und unter
Missachtung begründeter Warnungen verschwinden lassen wollen.
Es ist unstrittig, dass die militärische von der friedlichen
Nutzung der Kernenergie nicht wirksam getrennt werden kann. Für
die heutigen Atomwaffenstaaten USA, Russland, Frankreich, Großbritannien,
Israel, Pakistan und Indien war die friedliche Nutzung der Kernenergie
zunächst nur Mittel zum Zweck, und der Zweck war die Atombombe.
Es ist unstrittig, dass die Kernenergienutzung von Anfang an massiv
direkt und indirekt subventioniert wurde.
Es ist unstrittig, dass der Ausbau der Solarenergienutzung (Strom
aus Sonne, Wasser, Wind und Biomasse) viel schneller erfolgte, als
alle Fachleute erwartet haben. Der ursprünglich geplante Ausbau
der Kernenergienutzung blieb dagegen weit hinter den Prognosen zurück.
So besteht die begründete Hoffnung, dass durch den Aufbau
gut durchdachter Netzstrukturen Ertragsschwankungen der Solarenergienutzung
stark verringert oder ganz ausgeglichen werden können. In dieser
Richtung wird in Nordeuropa bereits gearbeitet. Deutschland, Großbritannien,
Frankreich, Belgien, Dänemark, die Niederlande, Irland, Luxemburg
und Norwegen arbeiten an der »North Seas Countries' Offshore
Grid Initiative«. Ein 580 Kilometer langes Unterseestromkabel
zwischen den Niederlanden und Norwegen liegt bereits. Die Niederlande
wollen überschüssigen Windstrom in norwegische Pumpspeicherstauseen
abgeben und bei Windstille den Strom aus den Seen zurückholen.
Ebenso können wir hoffen, dass ein gewaltiges Netz im Mittelmeerraum
Anlagen verbindet, die Sonnenenergie auf unterschiedliche Weise
in Strom umwandelt - und dies in einem Maße, dass ein Teil
davon nach Nordeuropa
geleitet werden kann. Die Arbeiten an Desertec - Strom aus der Wüste
auch für Mitteleuropa - haben begonnen. Diese Hoffnungen dürfen
nicht verschleiern, dass solche neuen großräumig angelegten
Energiekonzepte auch mit schwer abwägbaren neuen Schwierigkeiten
belastet sind. Es geht neben den technischen Tücken im Detail,
die jede neue technische Entwicklung begleiten, um Politik mit teilweise
politisch problematischen Partnern, um viel Geld im Bereich von
Dutzenden von Milliarden Euro, das sich auch rechnen soll. Es geht
auch um Machtkonzentration, die zu Missbrauch verführen kann,
wie wir das von unseren deutschen Energiegiganten erlebt haben.
Es geht schließlich auch um Schutz vor Zerstörung und
Naturgewalten und darum, wie viel erneuerbare Energie man braucht,
um diese gewaltigen Systeme aufzubauen und zu erhalten.
In der Auseinandersetzung mit den großen, auf zentrale Energieversorgungssysteme
orientierten Konzernen und angesichts der Erfolge bei der Solarenergienutzung
gab es die Vorstellung, den gesamten Energiebedarf mit kleineren
dezentralen Systemen zur Energiegewinnung decken zu können.
Diese Hoffnung halte ich insbesondere für Großstädte
und Industriezentren, die zuverlässig kalkulierbare Energiebereitstellung
und hohe Energiedichten brauchen, für gewagt.
Klar ist: Der Fahrplan zur Sonne ist ein längerfristiges Projekt.
Doch Politik und Verbraucher können schon jetzt auf den Zug
zur Sonne aufspringen, indem sie den Ausbau der Solarenergie nachdrücklich
unterstützen - und den Zuschlag auf der Energierechnung akzeptieren.
Er macht pro Monat kaum mehr als zwei Euro aus.
indem bei den anrollenden großtechnischen Solarenergieprojekten
auf die Kontrolle der Macht und des Marktes geachtet und das Zusammenspiel
mit dezentralen Solarenergiesystemen technisch und wirtschaftlich
fair gewährleistet wird.
indem keine Steuergelder für eine (verkappte) militärische
Beteiligung an Kriegen um Energieressourcen missbraucht werden indem
der Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie fortgesetzt wird. Jede
Verlängerung der Laufzeiten behindert die Sonnenwende - und
schafft noch mehr Atommüll.
Tschernobyl ist 24 Jahre her. Jene mit Gedächtnisverlust haben
die Katastrophe samt ihren Lehren vergessen. Die Jungen kennen Tschernobyl
lediglich als Geschichte, die nie unter die eigene Haut ging. Die
Folgen halten aber noch Jahrzehnte bis Jahrhunderte an.
Sebastian Pflugbeil hat als Vertreter der DDR-Opposition 1989/90
in der Regierung Hans Modrow als Umweltminister den Weg für
die Abschaltung sämtlicher Kernkraftwerke auf dem Gebiet der
DDR geebnet. Und dies obwohl Energiekonzerne aus den alten Bundesländern
bereits ihr Interesse an deren Weiterbetreibung bekundet hatten.
Seit Langem ist der promovierte Physiker Vorsitzender der Deutschen
Gesellschaft für Strahlenschutz.
Quelle: Publik-Forum Nr. 08 vom 23.04.2010
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