Freilassinger Anzeiger vom Mittwoch, 16. Dezember 2009
Stadträte stehen hinter dem Biomasseheizwerk
Bei namentlicher Abstimmung große Mehrheit für die Weiterführung des Vorhabens
  FREILASSING (st) - Der Stadtrat hat seinen Willen zum Bau des Biomassekraftwerks bekräftigt, obwohl es bisher nicht gelungen ist, Vorverträge abzuschließen. Bei der namentlichen Abstimmung votierten nur die Mitglieder der FWG-Fraktion dagegen, Ausnahme 2. Bürgermeister Karlheinz Knott. Ob das Vorhaben tatsächlich realisiert wird, ist indes noch nicht sicher. Bis 30. Juni müssen nämlich so viele Verträge abgeschossen sein, dass die Projektrentabilität gegeben ist. Um diese zu berechnen, hat sich die Stadt ein Augsburger Fachbüro ins Boot geholt. Dessen Mitarbeiter Harald Asum schilderte Szenarien zwischen dem besten und dem schlechtesten Fall, mit einer Schwankungsbreite zwischen 20 und 80 Prozent des vorhandenen Anschlusspotenzials. Folgt man ihm, wird die Gewinnschwelle bei dem Projekt irgendwann zwischen 2012 und 2019 erreicht sein, je nachdem, wie viele Kunden sich letztlich für einen Anschluss entscheiden. Diese sollen mit Frühbucher- Rabatten gelockt werden. Die erste Wärmelieferung soll im vierten Quartal 2011 erfolgen. Nicht ausgeschlossen ist auch, dass die Stadt sich mit einem Partner wie etwa der Salzburg AG zusammentut. Neben zu geringem Kundeninteresse könnte auch noch ein Bürgerentscheid die Kraftwerkspläne zu Fall bringen. Die Gegner um Bezirkskaminkehrermeister Wolfgang Wagner schließen diese Möglichkeit nach wie vor nicht aus.

In einem Gutachten sei klar dargelegt worden, dass sich 60 Prozent der Objekte im Versorgungsgebiet anschließen müssen. Wenn jetzt die Wirtschaftlichkeit in Gefahr gerät, müssten die Betriebskosten angehoben werden. Braun meinte, hier solle nur ein aufwendiges Prestigeprojekt vorangetrieben werden. Statt Holzverbrennung wäre eine Biogas-Anlage günstiger zu betreiben.

„Dieses Schönreden der beauftragten Firmen, die viel Geld verdient haben und noch mehr erwarten können, hat uns nicht überzeugt", sagte Braun. Mit den 13 Millionen Euro Investitions-kosten werde die Stadt gefesselt sein und andere Vorhaben nicht mehr umsetzen können.

Auf Nachfragen aus dem Gremium erklärte der kaufmännische Werkleiter Franz Aicher, dass die Kunden im bestehenden Fernwärmegebiet günstiger gefahren wären, wenn sie schon an das Biomassekraftwerk angeschlossen wären. Eine Einsparung von sechs bis zwölf Prozent je nach Anschlussgrad hätte sich ergeben. Werde das Projekt nun nicht realisiert, müssten sie in den nächsten Jahren mit erheblichen Investitionen im bestehenden Fernheizwerk rechnen.

Nicht nachvollziehen konnte MdL Roland Richter (CSU) die Aussage Brauns vom „Prestigeobjekt". Das Biomassekraftwerk sei im Gegenteil schlichtweg notwendig, erinnerte er an die jetzt in Kopenhagen wieder formulierten Klimaziele. Natürlich müsse die Einsparung von Energie Vorrang haben, aber ganz ohne Heizen gehe es nicht einmal beim Passivhaus. Die Preise für Öl und Gas würden wieder massiv ansteigen, mit Holz-hackschnitzeln werde man wesentlich günstiger dran sein.

Gottfried Schacherbauer (CSU) machte keinen Hehl daraus, dass auch er dem Projekt kritisch gegenübersteht. Die Biomasse sei ein Weg von vielen, die Energieversorgung zu sichern. Die eigene Vorgabe von 60 Prozent sei nicht erreicht worden. Dennoch sollte man die Tür nicht ganz zuschlagen und nun noch einmal ein halbes Jahr Zeit geben, die nötigen Verträge abzuschließen. Grundsätzlich sprach er sich dafür aus, einen starken Partner mit ins Boot zu holen für potenzielle Abnehmer von diesseits und jenseits der Grenze.

Nach längerer Diskussion beantragte Bürgermeister Josef Flatscher wegen der Tragweite der Entscheidung eine namentliche Abstimmung. Die Räte erklärten sich damit einverstanden. Für die Fortführung der Planung sprachen sich geschlossen die Fraktionsmitglieder von CSU, SPD und Grünen/Bürgerliste aus. 2. Bürger-meister Karlheinz Knott (FWG-Heimatliste) schloss sich an, seine Fraktionskollegen votierten dagegen.

Der Stadtrat beschloss damit die Umsetzung des Projekts „Biomasseheizkraftwerk Freilassing" allein oder gemeinsam mit einem geeigneten Partner unter zwei Voraussetzungen: Der Mindestverkauf ist durch Verträge (nicht Vorverträge) sichergestellt und es wird ein Frühbuch-Rabattsystem jeweils zum 30.Juni jeden Jahres eingeführt. Die Wärmelieferung soll ab dem 4.Quartal 2011 erfolgen.

 
 

Zahlreiche Besucher verfolgten die heißen Debatten um das brisante Thema in der Sitzung Montagabend. Bürgermeister Josef Flatscher wiederholte eingangs noch einmal die drei seiner Meinung nach entscheidenden Gründe für dieses Kraftwerk, das neben Wärme auch Strom erzeugt. Zum einen ist dies die Versorgungssicherheit, die sich durch den nachwachsenden und regional verfügbaren Rohstoff Holz ergibt, ferner die Umweltverträglichkeit und schließlich auch die Wirtschaftlichkeit. Das Interesse der potenziellen Abnehmer sei groß, alle relevanten Daten ermittelt. Dass es trotzdem noch keine Vorverträge gibt, führte Flatscher auf den Umstand zurück, dass noch eine klare und konkrete politische Aussage fehlt. „Die Hauseigentümer wollen wissen, wann das Heizwerk kommt und mit welchen Kosten sie rechnen müssen."

Das rechnete dann Harald Asum vor, dessen Unternehmen bei solchen Vorhaben viel Erfahrung besitzt und unter anderem die Geothermieprojekte im Raum München betreut. Demnach sollen alle, die sich in dem primären Versorgungsgebiet Mitterfeld-West bis 30. Juni für einen Anschluss entschließen, einen Frühbucherrabatt erhalten. Der wird auch bei einem künftigen weiteren Ausbau des Netzes angeboten. Bei einem durchschnittlichen Einfamilienhaus fallen für den Anschluss dann laut Asum Gesamtkosten von circa 3.450 Euro an.

Je nachdem, wie viele potenzielle Kunden sich für einen Anschluss entschließen, desto schneller würde das geplante Werk mit geschätzten Kosten von 13 Millionen Euro schwarze Zahlen schreiben. Aus seiner Erfahrung berichtete Asum, dass sicher eher mehr als weniger Interessenten finden. Und: „Warum soll in Freilassing nicht funktionieren, was anderswo gut läuft."

Dieses Argument führte auch CSU-Sprecher Klaus Lastovka ins Feld, als er die Zustimmung seiner Fraktion signalisierte. In Ainring laufe das Biomassewerk sehr erfolgreich, Teisendorf plane eines. Nicht die Umweltverträglichkeit werde in der Regel den Ausschlag dafür geben, ob jemand anschließt oder nicht, sondern der Preis der Fernwärme. Der sei in Freilassing jetzt schon konkurrenzfähig, obwohl derzeit fossile Brennstoffe günstig zu haben sind. Das werde nicht so bleiben. Sehr wichtig sei aber aus Sicht der CSU die Versorgungs-sicherheit. „Was ist, wenn Putin den Gashahn zudreht", fragte er. Lastovka räumte ein, dass die Marge von 60 Prozent Vorverträgen im Mitterfeld-West nicht erreicht wurde, zeigte sich aber überzeugt, dass bei einem positiven Beschluss die Nachfrage kommen wird. "Wir haben ein zukunftsträchtiges Projekt im Auge", warb er um Zustimmung.

Ernst Wohlschlager (Grüne Bürgerliste) sagte, einen Anschlusswert von 80 Prozent, wie er im Bestfall-Szenario angenommen wird, werde man leider nicht erreichen. Dafür sei bisher auch mit falschen Behauptungen zu viel schlechtgeredet worden. Uberall, wo solche Werke bisher gebaut wurden, sei der Anschlussgrad letztlich höher gewesen, als in der Kalkulation zugrunde gelegt wurde. Es werde kein Euro aus dem Stadt-Haushalt ausgegeben, sodass Bürger, die nicht angeschlossen sind, auch keinen finanziellen Beitrag leisten müssen.

Für Ludwig Unterreiner (FWG/Heimatliste) handelt es sich aber trotzdem um eine „Investition ins Blaue". „Wir haben uns festgelegt, dass wir das nur bei 60 Prozent Vorverträgen realisieren. Gilt das jetzt nicht mehr?" Es dränge sich der Verdacht auf, dass hier mit Gewalt etwas umgesetzt werden soll.


Harald Asum führte die Wirtschaftlichkeitsberechnung durch. Foto: Stronk
Unterreiner wollte auch wissen, wo denn der ganze Rohstoff für die ganzen Heizwerke herkommen soll. „Werden da Waldflächen gerodet?"

Dies verneinte Stefan Schubert von der Firma KESS. Er verwies auf Untersuchungen, wonach auch regional genügend Hackschnitzel zur Verfügung stehen.

SPD-Sprecherin Margitta Popp meinte, landauf, landab würden solche Biomasse-Kraftwerke errichtet. „Es kann doch nicht sein, dass die Verantwortlichen dort alle nicht ganz richtig im Kopf sind." Sie selbst würde sofort anschließen, wenn sie die Möglichkeit hätte.

FWG-Sprecher Fritz Braun erklärte, im Vordergrund solle die Energieeinsparung stehen. Hier sollte die Stadt Fördergelder zur Verfügung stellen anstatt eine nicht wieder gutzumachende Fehlentscheidung zu treffen. Die Preise für Hackschnitzel würden ebenso steigen, wie es bei den Pellets der Fall war, prognostizierte er. Außerdem werde man der Pflanzung von Wald-Monokulturen Vorschub leisten.

Kleinere dezentrale Anlagen wie jetzt bei der Firma Robel könnten durchaus Sinn machen, nicht aber so ein großes Projekt.

 

zurueck
Umwelt-Webdesign-21, Nachrichten aus Agenda21 Umwelt Natur Energie Solar und Klima
Web: www.umwelt-webdesign.info  | eMail  | Impressum  | designed by Primaweb  | ©1994-2009  | Date: 16.12.2009