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BERCHTESGADEN (kp) - Die Klimafrage werde zur
Herausforderung des 21. Jahrhunderts, sagt Hartmut Graßl, 69,
gebürtiger Ramsauer und einer der renommiertesten Klimaforscher
Deutschlands. Vergangene Woche war der ehemalige Direktor des Hamburger
Max-Planck-Instituts für Meteorologie zu Gast im Gymnasium Berchtesgaden.
Anlässlich des Wissenschafts-herbstes Berchtesgadener Land 2009
referierte Graßl über die zentralen Herausforderungen,
welche die Klimaänderung im 21. Jahrhundert mit sich bringt:
Viel müsse geschehen, um „die Kurve noch zu kratzen".
Einrichtungen wie etwa die Beschneiungsanlage in Schönau am Königssee
seien Investitionen ohne Zukunft. Die Frage der Pleite sei eine bloße
Frage der Zeit. |
Grönland etwa wachse nach oben,
der Kern erweitere sich, die Ränder schmelzen, was wiederum
einen Beitrag zum Meeresanstieg von unter einem Millimeter ausmacht.
In den Jahren 2000 bis 2008 sei das Meer pro Jahr um 3,9 Millimeter
angestiegen (beobachteter, mittlerer Meeresanstieg). Ein Grund für
die Klimaänderung sei der Kohlendioxid-Anstieg in der Atmosphäre,
verursacht mitunter durch neun Gigatonnen Kohlenstoff, die etwa
im Jahr 2004 in die Atmosphäre geschleudert wurden.
„In den vergangenen 30 Jahren betrugen die Zuwachsraten
der Treibhausgasemissionen 2,1 Prozent pro Jahr", sagt Klimaforscher
Graßl, der den Besuchern ein Szenario unterbreitet, das einträte,
wenn die Menschheit auch weiterhin auf Globalisierung und Wirtschaftswachstum
setzte, den Klimaschutz aber vernachlässigte. In Kopenhagen
wollte man ein Abkommen „basteln", das unter einer Temperaturanstiegsgrenze
bleibt. Diese Marke müsse bei zwei Grad Celsius gesetzt werden,
erklärt der ehemalige Direktor des Max-Planck-Instituts für
Meteorologie. Innerhalb des Szenarios wachse die Hochwassergefahr
in jenen Ländern, die schon ausreichend Wasser haben. Dürren
nähmen zu, in Deutschland träte bis zum Jahr 2100 eine
Erwärmung von 2,5 bis 4,5 Grad Celsius ein, Skifahren könnte
man in Berchtesgaden dann trotz „garantierter Schneesicherheit"
nicht mehr. 50 bis 60 Schneetage fielen im Berchtesgadener Land
weg.
Dass die Beschneiungsanlage in Schönau am Königssee Zukunft
hat, bezweifelt Graßl, diese sei eine „Investition ohne
Zukunft", der in zwei Jahrzehnten die Pleite drohte. „Man
muss umdenken, neue Wege finden. Eine Skiregion mit Schneesicherheit
wird die Gegend nicht bleiben."
Auch das geplante Wasserkraftwerk in Ramsau erachtet Graßl
als „Tabuthema", das so nicht umgesetzt werden sollte.
„Da wäre es besser, die Ramsauer würden Photovoltaik-Anlagen
auf ihre Dächer setzen.
"Die Zukunft gehöre der Sonne, da sie die größte
Energieeffizienz mit sich bringe - „alles andere ist Popelkram
und würde die Bundesrepublik Deutschland nur zum reinen Energie-Acker
machen."
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Einer der bedeutendsten Klimawissenschaftler sei
Hartmut Graßl, „seine Berufung hat er sich zur Lebenseinstellung"
gemacht, begrüßt Schulleiter Otto Kamplade den in Hamburg
lebenden Ramsauer. Bereits in den 80er-Jahren habe der emeritierte
Professor vor einem möglichen Klimawandel gewarnt, belächelt
wurde er zu dieser Zeit von einigen seiner Kollegen. Dass das Klima
nun immer mehr in den Fokus des Interesses rückt, zeigt die
Brisanz, die mit der Thematik einhergeht: Es trafen sich Vertreter
aller Staaten in Kopenhagen zur Weltklimakonferenz. Lösungsansätze
sollte dort getroffen werden, Szenarien, wie der Planet um eine
unumkehrbare Katastrophe „herumgeschifft" werden kann.
Vor 23 Jahren sei jene klimapolitische Debatte aus der Wissenschaft
in die Öffentlichkeit hineingetragen worden, sagt Graßl.
„Es gibt kein Thema, das jeden Einzelnen so sehr betrifft."
Vom Klima sei jedes Leben abhängig, drei wichtige Überlebensparameter
verdeutlichen die Wichtigkeit der Thematik. Eindringlich schildert
Graßl, dass die Industrie zum reinen Überleben nicht
notwendig sei, allerdings sehr wohl eine Mindesttemperatur von zehn
Grad Celsius im Sommer, um Landwirtschaft betreiben zu können,
weiterhin Wasser, das in Form von Regen vom Himmel fällt, sowie
die Biomasseproduktion, die von den Pflanzenbewerkstelligt wird.
Beängstigend sei nicht unbedingt die Tatsache, dass sich
die Temperaturen erhöhten - „kältere und wärmere
Phasen sind gewöhnlich" - sondern der Faktor 50 bis 100,
mit welchem die Temperaturerhöhung vonstatten geht. „Wir
sprechen hier von einer Klimaänderung um mehrere Grade in den
letzten hundert Jahren", beschreibt Graßl das derzeitige
Szenario, das auf der Weltklimakonferenz in Kopenhagen für
Kopfzerbrechen gesorgt hat. Der Mensch stelle die größte
Gefahr für die Ökosysteme der Erde dar.
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Keine Zukunft schenkt der
Klimaforscher Hartmut Graßl der Beschneiungsanlage am Jenner
in Schönau am Königssee. Foto: Pfeiffer
So werde der „Verlust an biologischer Vielfalt in einigen Jahrzehnten
heftig durchschlagen".
Seit 1850 habe sich die globale mittlere Temperatur um 0,7 Grad
Celsius erhöht, dies gehe einher mit Meeresspiegel- und Schnee-bedeckungs-änderungen.
Graßl zeigt in einem Vergleich anschaulich, wie groß
das Gebiet der nördlichen Hemisphäre ist, das im Mittel
während des Zeitraums März/April mit Schnee bedeckt ist:
„Die Bundesrepublik Deutschland ist 356.000 Quadratkilometer
groß, die mit Schnee bedeckte Fläche einhundert Mal größer,
36 Millionen Quadratkilometer."
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