Freilassinger Anzeiger vom 23. Dezember 2009
Solarenergie: „Alles andere ist Popelkram"
Klimaforscher Hartmut Graßl zu Gast im Gymnasium Berchtesgaden
  BERCHTESGADEN (kp) - Die Klimafrage werde zur Herausforderung des 21. Jahrhunderts, sagt Hartmut Graßl, 69, gebürtiger Ramsauer und einer der renommiertesten Klimaforscher Deutschlands. Vergangene Woche war der ehemalige Direktor des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie zu Gast im Gymnasium Berchtesgaden. Anlässlich des Wissenschafts-herbstes Berchtesgadener Land 2009 referierte Graßl über die zentralen Herausforderungen, welche die Klimaänderung im 21. Jahrhundert mit sich bringt: Viel müsse geschehen, um „die Kurve noch zu kratzen". Einrichtungen wie etwa die Beschneiungsanlage in Schönau am Königssee seien Investitionen ohne Zukunft. Die Frage der Pleite sei eine bloße Frage der Zeit.

Grönland etwa wachse nach oben, der Kern erweitere sich, die Ränder schmelzen, was wiederum einen Beitrag zum Meeresanstieg von unter einem Millimeter ausmacht. In den Jahren 2000 bis 2008 sei das Meer pro Jahr um 3,9 Millimeter angestiegen (beobachteter, mittlerer Meeresanstieg). Ein Grund für die Klimaänderung sei der Kohlendioxid-Anstieg in der Atmosphäre, verursacht mitunter durch neun Gigatonnen Kohlenstoff, die etwa im Jahr 2004 in die Atmosphäre geschleudert wurden.

„In den vergangenen 30 Jahren betrugen die Zuwachsraten der Treibhausgasemissionen 2,1 Prozent pro Jahr", sagt Klimaforscher Graßl, der den Besuchern ein Szenario unterbreitet, das einträte, wenn die Menschheit auch weiterhin auf Globalisierung und Wirtschaftswachstum setzte, den Klimaschutz aber vernachlässigte. In Kopenhagen wollte man ein Abkommen „basteln", das unter einer Temperaturanstiegsgrenze bleibt. Diese Marke müsse bei zwei Grad Celsius gesetzt werden, erklärt der ehemalige Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie. Innerhalb des Szenarios wachse die Hochwassergefahr in jenen Ländern, die schon ausreichend Wasser haben. Dürren nähmen zu, in Deutschland träte bis zum Jahr 2100 eine Erwärmung von 2,5 bis 4,5 Grad Celsius ein, Skifahren könnte man in Berchtesgaden dann trotz „garantierter Schneesicherheit" nicht mehr. 50 bis 60 Schneetage fielen im Berchtesgadener Land weg.

Dass die Beschneiungsanlage in Schönau am Königssee Zukunft hat, bezweifelt Graßl, diese sei eine „Investition ohne Zukunft", der in zwei Jahrzehnten die Pleite drohte. „Man muss umdenken, neue Wege finden. Eine Skiregion mit Schneesicherheit wird die Gegend nicht bleiben."

Auch das geplante Wasserkraftwerk in Ramsau erachtet Graßl als „Tabuthema", das so nicht umgesetzt werden sollte. „Da wäre es besser, die Ramsauer würden Photovoltaik-Anlagen auf ihre Dächer setzen.

"Die Zukunft gehöre der Sonne, da sie die größte Energieeffizienz mit sich bringe - „alles andere ist Popelkram und würde die Bundesrepublik Deutschland nur zum reinen Energie-Acker machen."

 
 

Einer der bedeutendsten Klimawissenschaftler sei Hartmut Graßl, „seine Berufung hat er sich zur Lebenseinstellung" gemacht, begrüßt Schulleiter Otto Kamplade den in Hamburg lebenden Ramsauer. Bereits in den 80er-Jahren habe der emeritierte Professor vor einem möglichen Klimawandel gewarnt, belächelt wurde er zu dieser Zeit von einigen seiner Kollegen. Dass das Klima nun immer mehr in den Fokus des Interesses rückt, zeigt die Brisanz, die mit der Thematik einhergeht: Es trafen sich Vertreter aller Staaten in Kopenhagen zur Weltklimakonferenz. Lösungsansätze sollte dort getroffen werden, Szenarien, wie der Planet um eine unumkehrbare Katastrophe „herumgeschifft" werden kann. Vor 23 Jahren sei jene klimapolitische Debatte aus der Wissenschaft in die Öffentlichkeit hineingetragen worden, sagt Graßl. „Es gibt kein Thema, das jeden Einzelnen so sehr betrifft." Vom Klima sei jedes Leben abhängig, drei wichtige Überlebensparameter verdeutlichen die Wichtigkeit der Thematik. Eindringlich schildert Graßl, dass die Industrie zum reinen Überleben nicht notwendig sei, allerdings sehr wohl eine Mindesttemperatur von zehn Grad Celsius im Sommer, um Landwirtschaft betreiben zu können, weiterhin Wasser, das in Form von Regen vom Himmel fällt, sowie die Biomasseproduktion, die von den Pflanzenbewerkstelligt wird.

Beängstigend sei nicht unbedingt die Tatsache, dass sich die Temperaturen erhöhten - „kältere und wärmere Phasen sind gewöhnlich" - sondern der Faktor 50 bis 100, mit welchem die Temperaturerhöhung vonstatten geht. „Wir sprechen hier von einer Klimaänderung um mehrere Grade in den letzten hundert Jahren", beschreibt Graßl das derzeitige Szenario, das auf der Weltklimakonferenz in Kopenhagen für Kopfzerbrechen gesorgt hat. Der Mensch stelle die größte Gefahr für die Ökosysteme der Erde dar.



Keine Zukunft schenkt der Klimaforscher Hartmut Graßl der Beschneiungsanlage am Jenner in Schönau am Königssee. Foto: Pfeiffer
So werde der „Verlust an biologischer Vielfalt in einigen Jahrzehnten heftig durchschlagen".

Seit 1850 habe sich die globale mittlere Temperatur um 0,7 Grad Celsius erhöht, dies gehe einher mit Meeresspiegel- und Schnee-bedeckungs-änderungen. Graßl zeigt in einem Vergleich anschaulich, wie groß das Gebiet der nördlichen Hemisphäre ist, das im Mittel während des Zeitraums März/April mit Schnee bedeckt ist:

„Die Bundesrepublik Deutschland ist 356.000 Quadratkilometer groß, die mit Schnee bedeckte Fläche einhundert Mal größer, 36 Millionen Quadratkilometer."

 

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