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Deutschland habe sich zur Einhaltung des Kyoto-Protokolls
verpflichtet. Würde die Verbrennung von Holz dafür nicht
angerechnet, stünde das Land ziemlich dumm da mit seinen Klimazielen,
meint Wohlleben. „Aber Holz ist nicht klimaneutral, das ist
ein Trugschluss." Denn Kohlenstoff speichert in erster Linie
der Boden, je älter der Wald, umso mehr. Schlägt man aber
die Bäume, gast auch dieser Kohlenstoff aus und belastet 60
Jahre lang die Atmosphäre.
Wohlleben ist nicht grundsätzlich gegen Waldnutzung. Er selbst
ist Förster und kümmert sich um die regionale Versorgung
seiner umliegenden Dörfer. „Mit einem Plenterwald - also
gezielter Einzelstammentnahme - lässt sich Geld verdienen",
behauptet er, der wie früher bodenschonend auch mit Pferden
arbeitet. Denn darin sieht Wohlleben das größte Problem:
Die Bodenverdichtung durch schwere Maschinen schädige die Grundlage
eines gesunden und stabilen Walds für Jahrhunderte.
In Wäldern ließen sich heute noch Fahrspuren römischer
Fuhrwerke nachweisen; um wie viel schlimmer seien demnach tonnenschwere
Erntemaschinen, deren Fahrgassen im Abstand von 20 Metern die Wälder
durchziehen. Seine Bilder aus Nordrhein-Westfalen zeigen Agrarsteppen,
wo selbst die Wurzeln herausgerissenwurden, um sie zu verheizen.
„Der kleine Gallier": Erich Prechtl vom Bund Naturschutz.
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Schlimmer noch: Man ersetzt Wald durch Kurzumtriebsplantagen,
etwa mit Pappeln, die alle fünf bis zehn Jahre geerntet werden.
Der Wald könnte einer Klimaerwärmung trotzen, meint
Wohlleben. Buchen würden bis zu sechs Grad mehr vertragen,
aber nur bei gesundem und speicherfähigem Boden. Selbst die
Fichte sei nicht, wie immer behauptet, von Natur aus ein Flachwurzler.
Im Übrigen passe sie genau wie Kiefer und Lärche nicht
ins flache Land. Werfe dann Sturm oder Schädlingsbefall diese
Wälder um, dann nenne man das merkwürdigerweise Naturkatastrophe.
Sein Urteil ist vernichtend: „Wir betreiben in Deutschland
Waldwirtschaft auf dem Niveau eines Entwicklungslandes."
„Waldwirtschaft leistet keinen Beitrag zum Klimaschutz",
ist Wohlleben überzeugt, „im Gegenteil." Seine Zahlen:
Allein um 20 Prozent der in Deutschland benötigten Energie
zu erzeugen, müsste der komplette Holzeinschlag Europas verfeuert
werden. Dabei sollte unbedingt ein gewisser Teil Restholz im Wald
verbleiben, möchte man ihm nicht gänzlich die Nährstoffe
entziehen.
Auf 68 Millionen Kubikmeter pro Jahr wird der Einschlag in Deutschland
geschätzt. 78 Millionen seien anvisiert; bis 2020 sollen 48
Millionen Kubikmeter davon verbrannt werden. Dabei sei Deutschland
heute schon Holz-Importeur. „Wir verbrennen unser Holz und
führen anderes für sonstige Nutzung ein."
„Wer behauptet, den Holzmarkt, also den Einkauf regional
begrenzen zu können, der - nun ja, sagen es wir so: der ist
sehr optimistisch." Holz sei längst ein weltweites Handelsprodukt
geworden, nicht anders als Öl. Wohlleben rechnet vor, dass
ein 50-KilometerRadius für Freilassing keinesfalls ausreichen
werde. „Freilassing wird mit Berlin konkurrieren", erwartet
Wohlleben. Dort ist der Konzern Vattenfall in die Schlagzeilen geraten,
weil er jährlich bis zu einer Million Kubikmeter Tropenholz
verheizen will. |
Auch Russlands Wälder würden systematisch
geplündert. Holzarbeiter, deren Siedlungen einst mitten im Wald
standen, würden inzwischen bis zu 200 Kilometer per Hubschrauber
zu ihren Einsatzorten geflogen. „Die meisten Förster lieben
den Wald nicht", behauptet Wohlleben, und kritische Kollegen
würden mit „Maulkorberlassen" mundtot gemacht. Er
selbst habe aus diesem Grund seine Beamtenstellung aufgegeben.
Peter Wohlleben lehnt kleinräumige Versorgung etwa von Krankenhäusern
und Schulen mit Holzenergie keineswegs ab. Die Gesamtentwicklung
aber ist für ihn ein fataler Irrweg. Was ist die Alternative?
Sparen, dämmen, Sonne und Wind und - vorerst weiter mit Öl
und Gas, sagt er. Denn Holz sei in seiner Gesamtbilanz nicht besser
und die Schäden des weltweiten Raubbaues seien immens.
Mit im Publikum saß auch Franz Steindl von der Salzburg
AG - möglicher Partner der Stadt Freilassing in Sachen Biomasse-Heizkraftwerk
- der sich an diesem Abend augenscheinlich nicht sehr wohlfühlte,
sich aber zum Thema nicht äußerte. Auf Nachfrage der
Heimatzeitung betonte er, er vertraue seinen Forstleuten und auf
die Holz-Optionen seiner Firma. Man habe für Freilassing ein
gutes Konzept präsentiert, mehr könne man nicht tun. „Die
Menschen selbst sollen sich ihre Meinung bilden."
Bereits am Nachmittag hatte Hias Kreuzeder, einer der Mitstreiter
des Bürgerarbeitskreises, eine Schar Interessierter durch seinen
Auwald geführt. „So ein Wald ist mehr als eine ökonomische
Größe", sagt Kreuzeder, „er ist Teil unserer
Kultur und die letzte Hoffnung gegen den Klimawandel." Erich
Prechtl vom Freilassinger Bund Naturschutz sieht sich und die Seinen
als die kleine Schar Gallier, die in Wahrheit den übermächtigen
römischen Kraftwerksbauern trotzt. Freilassings Bürger
werden am 20. Juni in der Wahlkabine zeigen, wem sie mehr Glauben
schenken. In Freilassing unterwegs war an diesem Nachmittag auch
das Bayerische Fernsehen. Die Sendung „Quer" wird heute
über das Projekt, die Initiativen und über Peter Wohlleben
berichten. Beginn ist um 20.15 Uhr. |
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