Freilassinger Anzeiger vom 10. Juni 2010
Infoabend des Bürgerarbeitskreises: Verbrennung von Holz in Kraftwerken ist tabu
Peter Wohlleben: „Die Gesamtbilanz von Holz ist nicht besser als die von Öl"
  FREILASSING (höf) -„Wer behauptet, Holz sei CO2-neutral, ist schlecht informiert oder er lügt". Gerade auf diesem Argument aber basiere der aktuelle Biomasse-Boom, sagt Peter Wohlleben. Der Förster und Buchautor hat sich inzwschen einen Namen gemacht als Kritiker deutscher Waldwirtschaft einerseits und vermeintlich klimaschonender Energiepolitik andererseits. Der Bürgerarbeitskreis „Intelligente Energieversorgung für Freilassings Bürger" hatte den Zwei-Meter-Mann aus der Eifel nach Freilassing eingeladen. Das Interesse an dem öffentlichen Infoabend war groß, der Saal im Diakoniehaus gerammelt voll.

 

„Bio ist nicht gleich Öko", sagt Förster Peter Wohlleben über Holzenergie. Fotos: Höfer


 
 

Deutschland habe sich zur Einhaltung des Kyoto-Protokolls verpflichtet. Würde die Verbrennung von Holz dafür nicht angerechnet, stünde das Land ziemlich dumm da mit seinen Klimazielen, meint Wohlleben. „Aber Holz ist nicht klimaneutral, das ist ein Trugschluss." Denn Kohlenstoff speichert in erster Linie der Boden, je älter der Wald, umso mehr. Schlägt man aber die Bäume, gast auch dieser Kohlenstoff aus und belastet 60 Jahre lang die Atmosphäre.

Wohlleben ist nicht grundsätzlich gegen Waldnutzung. Er selbst ist Förster und kümmert sich um die regionale Versorgung seiner umliegenden Dörfer. „Mit einem Plenterwald - also gezielter Einzelstammentnahme - lässt sich Geld verdienen", behauptet er, der wie früher bodenschonend auch mit Pferden arbeitet. Denn darin sieht Wohlleben das größte Problem: Die Bodenverdichtung durch schwere Maschinen schädige die Grundlage eines gesunden und stabilen Walds für Jahrhunderte.

In Wäldern ließen sich heute noch Fahrspuren römischer Fuhrwerke nachweisen; um wie viel schlimmer seien demnach tonnenschwere Erntemaschinen, deren Fahrgassen im Abstand von 20 Metern die Wälder durchziehen. Seine Bilder aus Nordrhein-Westfalen zeigen Agrarsteppen, wo selbst die Wurzeln herausgerissenwurden, um sie zu verheizen.


„Der kleine Gallier": Erich Prechtl vom Bund Naturschutz.

Schlimmer noch: Man ersetzt Wald durch Kurzumtriebsplantagen, etwa mit Pappeln, die alle fünf bis zehn Jahre geerntet werden.

Der Wald könnte einer Klimaerwärmung trotzen, meint Wohlleben. Buchen würden bis zu sechs Grad mehr vertragen, aber nur bei gesundem und speicherfähigem Boden. Selbst die Fichte sei nicht, wie immer behauptet, von Natur aus ein Flachwurzler. Im Übrigen passe sie genau wie Kiefer und Lärche nicht ins flache Land. Werfe dann Sturm oder Schädlingsbefall diese Wälder um, dann nenne man das merkwürdigerweise Naturkatastrophe. Sein Urteil ist vernichtend: „Wir betreiben in Deutschland Waldwirtschaft auf dem Niveau eines Entwicklungslandes."

„Waldwirtschaft leistet keinen Beitrag zum Klimaschutz", ist Wohlleben überzeugt, „im Gegenteil." Seine Zahlen: Allein um 20 Prozent der in Deutschland benötigten Energie zu erzeugen, müsste der komplette Holzeinschlag Europas verfeuert werden. Dabei sollte unbedingt ein gewisser Teil Restholz im Wald verbleiben, möchte man ihm nicht gänzlich die Nährstoffe entziehen.

Auf 68 Millionen Kubikmeter pro Jahr wird der Einschlag in Deutschland geschätzt. 78 Millionen seien anvisiert; bis 2020 sollen 48 Millionen Kubikmeter davon verbrannt werden. Dabei sei Deutschland heute schon Holz-Importeur. „Wir verbrennen unser Holz und führen anderes für sonstige Nutzung ein."

„Wer behauptet, den Holzmarkt, also den Einkauf regional begrenzen zu können, der - nun ja, sagen es wir so: der ist sehr optimistisch." Holz sei längst ein weltweites Handelsprodukt geworden, nicht anders als Öl. Wohlleben rechnet vor, dass ein 50-KilometerRadius für Freilassing keinesfalls ausreichen werde. „Freilassing wird mit Berlin konkurrieren", erwartet Wohlleben. Dort ist der Konzern Vattenfall in die Schlagzeilen geraten, weil er jährlich bis zu einer Million Kubikmeter Tropenholz verheizen will.

Auch Russlands Wälder würden systematisch geplündert. Holzarbeiter, deren Siedlungen einst mitten im Wald standen, würden inzwischen bis zu 200 Kilometer per Hubschrauber zu ihren Einsatzorten geflogen. „Die meisten Förster lieben den Wald nicht", behauptet Wohlleben, und kritische Kollegen würden mit „Maulkorberlassen" mundtot gemacht. Er selbst habe aus diesem Grund seine Beamtenstellung aufgegeben.

Peter Wohlleben lehnt kleinräumige Versorgung etwa von Krankenhäusern und Schulen mit Holzenergie keineswegs ab. Die Gesamtentwicklung aber ist für ihn ein fataler Irrweg. Was ist die Alternative? Sparen, dämmen, Sonne und Wind und - vorerst weiter mit Öl und Gas, sagt er. Denn Holz sei in seiner Gesamtbilanz nicht besser und die Schäden des weltweiten Raubbaues seien immens.

Mit im Publikum saß auch Franz Steindl von der Salzburg AG - möglicher Partner der Stadt Freilassing in Sachen Biomasse-Heizkraftwerk - der sich an diesem Abend augenscheinlich nicht sehr wohlfühlte, sich aber zum Thema nicht äußerte. Auf Nachfrage der Heimatzeitung betonte er, er vertraue seinen Forstleuten und auf die Holz-Optionen seiner Firma. Man habe für Freilassing ein gutes Konzept präsentiert, mehr könne man nicht tun. „Die Menschen selbst sollen sich ihre Meinung bilden."

Bereits am Nachmittag hatte Hias Kreuzeder, einer der Mitstreiter des Bürgerarbeitskreises, eine Schar Interessierter durch seinen Auwald geführt. „So ein Wald ist mehr als eine ökonomische Größe", sagt Kreuzeder, „er ist Teil unserer Kultur und die letzte Hoffnung gegen den Klimawandel." Erich Prechtl vom Freilassinger Bund Naturschutz sieht sich und die Seinen als die kleine Schar Gallier, die in Wahrheit den übermächtigen römischen Kraftwerksbauern trotzt. Freilassings Bürger werden am 20. Juni in der Wahlkabine zeigen, wem sie mehr Glauben schenken. In Freilassing unterwegs war an diesem Nachmittag auch das Bayerische Fernsehen. Die Sendung „Quer" wird heute über das Projekt, die Initiativen und über Peter Wohlleben berichten. Beginn ist um 20.15 Uhr.

 
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